Meine Gedanken

Liebe Forscher, Freunde und Kunden,

Der Wutbürger in uns

Von Jürg Montalta

In einer Woche ist Bundestagswahl. Ich bin kein Politiker, kann nicht in die Kristallkugel schauen. Ich bin niemand, der sofort Lösungen für alle Probleme (und davon haben wir genug) aus dem Hut zaubern kann. Aber ich weiß, wie Zorn und Frust entstehen, wie sich peu à peu ein Wutbürger entwickelt. Nämlich dann, wenn keine Kommunikation stattfindet. Das ist mir erst kürzlich wieder klar geworden, als ich zur Beratung in einen mittelständischen Betrieb gerufen wurde, um Krisengespräche mit Mitarbeitern zu führen. Mein Rezept in solchen Fällen heißt immer, mich unvoreingenommen, geistig und körperlich hellwach, frei von Vorbehalten, Vorurteilen, Vermutungen und Ängsten auf meine Gesprächspartner einzulassen. Kurz: Ganz Ohr sein, zuhören, zuhören, zuhören. Bedingungslos, auf Augenhöhe, mit hierarchieübergreifendem Respekt, mit ehrlichem Interesse, verstehen zu wollen, und mit dem Urvertrauen, dass sich zeigen wird, wo der Hase im Pfeffer liegt. Die Mitarbeiter ausreden lassen, auch wenn Gesagtes wirr klingt, Fakten und Emotionen durcheinanderwirbeln oder von haarsträubenden Rückschlüssen berichtet wird. Einfach die Aussagen stehen und ruhen lassen. Mehr nicht. Keine Rechtfertigungen, Erwiderungen, Erklärungen, Vorwürfe. Auf diese Art und Weise haben wir nach drei Stunden die Wurzel der Probleme herausgearbeitet und sind gemeinsam ein erstes Stück des Lösungsweges gegangen.

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Wer befreit den Bergbach?

Von Jürg Montalta


Egal, ob ich mit Kids in amerikanischen Ghettos, in Bern und Berlin, mit Mitarbeitern in Wirtschaftsunternehmen oder mit entlassenen Bergleuten gearbeitet habe, immer habe ich die Erfahrung gemacht, dass in jedem Menschen unentwegt eine eigene Kreativität, eine Schöpferkraft sprudelt, wie ein wilder, munterer Bergbach. Wenn sein Wasser aber durch diverse Hindernisse über längere Zeit gestaut wird, durchbricht plötzlich, unerwartet das ruhige, gestaute Wasser die Blockade mit zerstörerischer Wucht, es findet immer einen Weg ins Tal.

So wie bei John Walkers, einem meiner ehemaligen Schüler. Über viele Wochen beobachtete der 12jährige seinen Schulbusfahrer, wie dieser mit dem gelben Ungetüm durch die Straßen von San Francisco navigierte. Wie der Busfahrer mir freudig berichtete, verhielt sich John immer vorbildlich, zuvorkommend und sehr interessiert an seiner Fahrweise. Eines Tages, als dieser kurz anhielt, um sich Zigaretten zu kaufen, setzte sich John ans Steuer des Schulbusses und versuchte so in den Norden von Kalifornien zu flüchten, nur weg von der Schule, den Gerichtsverhandlungen, der Zwangsprostitution (seine Eltern verkauften ihn, um ihre Drogensucht zu finanzieren). Soweit der Plan. Doch die Flucht dauerte keine fünf Minuten. Er rammte mehrere parkende Fahrzeuge und kam in einer steilen Straße der Stadt zum Stehen. Er landete nicht in der Freiheit, sondern im einer geschlossen Jugendanstalt.
Zwei Gründe trieben John ins Verderben: Fremdbestimmung und Existenzangst.
Die Reflexe darauf: Hide, face, run away. Wieviel John Walker steckt in uns? Welcher Reflex ist Ihnen vertraut?
Auf die Trumps, Le Pens, Blochers und Wilders reagieren viele Menschen mit Bestürzung und Ohnmacht, manche mit Fatalismus, gar Apathie. Manche bevorzugen den Rückzug ins Private.
Die genannten Herren und Damen eignen sich hervorragend als Projektionsfläche, als Ablenkung von den Ursachen, die Ihnen so viel Macht ermöglichen. Sie sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Ich habe mich entschieden den Eisberg zu erkunden, zu verstehen.
Und handeln! Jetzt, sofort! In Mahatma Gandhi´s Worten: Du musst die Veränderung sein, die Du in der Welt sehen willst.

Die größte Herausforderung ist es, bei mir selbst anzufangen. Wie? Innehalten, Zustand wahrnehmen, identifizieren, was, wer meine Kreativität blockiert, dann mutig handeln, bevor die innere Zensur. die Freundin der Existenzangst blockiert. Ein lebenslanges Probieren. Ich freue mich, wenn mir, trotz tausend Ablenkungen, jeden Tag ein Millimeter gelingt, sei das im Privat- oder Berufsleben. Gelegenheiten offeriert mir das Leben jeden Tag.

Ein "Zaubermittel" möchte ich noch verraten. Stellen Sie sich bitte Ihren Zustand vor, wenn wir alle ein bedingungsloses Grundeinkommen bekämen. Nach Berichten von denen, die es bekommen, ermöglicht es Zeit zur Besinnung, zum Nachdenken. Befreit von Existenzängsten und Fremdbestimmung beginnt der Bergbach wieder zu sprudeln. Die Resultate sind beeindruckend.
Bis es soweit ist, bleibe ich an den täglichen Millimetern dran.
Ihr Jürg Montalta

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Sind Sie auch in der blauen Phase? Die Lösung liegt in uns selbst

Von Jürg Montalta

Als ich neulich in meinem Fitnesscenter wie gewohnt meine Bahnen schwimmen wollte, bemerkte ich, dass ich meine Schwimmbrille zu Hause vergessen hatte. Anstatt mich darüber aufzuregen, entschied ich, mal ohne Brille zu schwimmen.

Beim Brustschwimmen hebe ich nach jedem Zug den Kopf, die Augen loten automatisch die Distanz vom Körper zur Länge und Breite der Bahn aus und ermöglichen, dass ich geradeaus schwimme. Das mit Chlor angereicherte Wasser ließ aber nicht zu, dass ich die Augen öffnete, zu stark brannte das Chlor. So probierte ich es mit geschlossen Augen, quasi blind.

Eine mehr als lehrreiche Erfahrung, wie sich herausstellen sollte. Mein Blindflug-Schlingerkurs schubste mich nach wenigen Zügen an die Trennleinen, die das Becken in Bahnen einteilen.

Wie diese Herausforderung meistern?

Zuerst probierte ich einfach ein paar Mal drauflos. Das kann doch nicht so schwierig sein, dachte ich, kollidierte erneut mit der Plastikgrenze und berührte eine Schwimmerin in der Nachbarbahn, die erschrocken aufblickte.

Ich entschuldigte mich, hielt inne und beruhigte mich. Dann kitzelte mich folgende Idee: Nimm das Ende der Bahn ins Visier und schwimm ganz ruhig viel los, konzentriere Dich auf Deinen Körper und gleichzeitig auf das Ziel am Ende der Bahn. Gedacht, geschwommen, ich kam ungefähr bis zur Mitte. Schon ganz gut, meinte ich, richtete mich aus und legte wieder beherzt los. Drei Züge und wieder fast bei der Nachbarin gelandet. Usw.Usw.

Ich verrate jetzt schon das Ende vom Lied. Ohne Sicht und geradeaus zu schwimmen, gelang mir erst nach mehreren Versuchen. Ruhig atmend und geistig fokussiert auf die unsichtbare Linie, das Ziel vor meinem inneren Auge, konnte ich das „blinde“ Schwimmen richtig genießen.

Die Erfahrung machte mich an diesem Montagmorgen ein bisschen glücklicher, ein guter Start in die Woche. Mehr noch, sie gab mir wichtige Hinweise darauf, wie ich herausfinden könnte, worum es denn in meiner neuen Lebensphase gehen könnte. Ich stecke nämlich mitten in der blauen Phase, das heißt, am Flughafen, beim Arbeiten, Aufwachen, Einkaufen oder im Schwimmbad taucht sie auf, die Frage: Sag mal, worum geht es hier eigentlich?

Ich hatte bis jetzt ein tolles und sehr bewegtes Leben, habe tausend Sachen an verschiedensten Orten der Welt ausprobiert, privat und beruflich. Habe fast immer meine kühnsten Träume realisieren können, Preise gewonnen, in Anerkennung gebadet. Und was jetzt?

Und, wie ich es schon oft erlebt habe, kommen meine Kunden mit denselben Fragen auf mich zu. In diesem Fall ein Unternehmer, dessen Organisation erfolgreich in die Jahre gekommen ist und jetzt neue Orientierung braucht.

Die Lösung liegt nicht im Schwimmbad, sondern in uns selbst. Vielleicht müssen wir einfach nur die uns aufgesetzten und oder selbst gewählten Brillen, mit denen wir die Welt sehen, einmal weglassen? Was würden wir dann sehen? Welche neuen Horizonte auftauchen?

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Die Zeit ist reif
Von Jürg Montalta


Eine Idee erobert die Welt Mit dem etwas sperrigen Namen „Bedingungsloses Grundeinkommen“, aber attraktiv für Millionen Menschen. Doch anders als Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ wollen die Initiatoren der Bewegung die Arbeits- und Lebenswelt nicht via mörderischem Klassenkampf umkrempeln, sondern mittels des demokratischsten aller Instrumente, der Volksabstimmung.

„Nur“ 23 Prozent freuten sich die Gegner nach der Schweizer Volksabstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen. Ich dagegen weiß, das ist ein sensationelles Ergebnis, haben wir doch vor nicht allzu langer Zeit mit nicht mehr als 15 Prozent gerechnet. Ein Hauptziel war ohnehin, in einer breiten, weltweiten Öffentlichkeit eine Debatte über das Thema Grundeinkommen anzustoßen

Aber Zahlen sind nicht alles. Viel wichtiger ist, wir haben in den letzten Monaten Herzen und Köpfe geöffnet für eine längst fällige Diskussion, die weit über die Schweiz hinaus reicht. Zum Beispiel nach Deutschland, wo eine aktuelle Studie zu dem Ergebnis gekommen ist, dass eine klare Mehrheit der Befragten der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens positiv gegenüber steht. Die Aktion „Grundeinkommen abstimmen“, sammelte über 110.000 Stimmen pro Volksabstimmung für ein Grundeinkommen in Deutschland.

Liest man alle Ergebnisse der Schweizer Volksabstimmung, wird überaus klar, dass die Debatte über ein Grundeinkommen, das bedingungslos die Existenz und gesellschaftliche Teilhabe jeder und jedem in der Bevölkerung sichern soll, jetzt erst richtig anfängt. 62 Prozent der Schweizer sind jedenfalls davon überzeugt, sogar 53 Prozent Nein-Voter.

Bleibt die beruhigende Erkenntnis: Die Saat wurde gelegt. Immer größer wird das Feld der Befürworter. Freuen wir uns in den nächsten Monaten auf ganz praktische Projekte zum Grundeinkommen in den Niederlanden, in Finnland, in Kanada und in Namibia.
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Eine Schweizer Initiative erobert die Welt

Von Jürg Montalta

Anfangs belächelt, als Schwärmerei oder Schlimmeres abgestempelt und verächtlich gemacht, diskutiert heute die halbe Welt die Möglichkeiten einer gerechteren Welt. In Zeiten des kalten Egoismus‘ der Finanzwirtschaft. In Zeiten, in denen Globalisierung und Digitalisierung keine einfachen, sondern bessere Antworten erfordern. Auf beeindruckende Weise ist es den Initiatoren von „Für ein bedingungsloses Grundeinkommengelungen, ein weltverbesserndes Konzept zu erdenken, dass von großem theoretischen Rüstzeug und echter Leidenschaft geprägt ist und dadurch sogar in Politik und Wirtschaft zahlreiche Befürworter gefunden hat. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass mittlerweile 64 % der EU Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen begrüßen würden.

Das Basler Kampagnenteam hat - endlich, möchte man ausrufen – eine längst fällige gesellschaftspolitische Debatte angefacht, quer durch alle Bevölkerungsschichten, Professionen und politische Lager. Wir diskutieren unter dem Stichwort Digitalisierung nicht mehr nur die neuesten coolen Gadgets oder ausgefeiltere Marketingtools, sondern ihre Folgen für Arbeit, Einkommen und Gemeinwesen. Wir lassen uns nicht mehr in virtuelle Welten abschieben, sondern haben wieder die echten Nöte der realen Welt im Blick.

Wie haben die das geschafft? Als involvierter Künstler kann ich bestätigen: Vorbildhaft haben alle Mitstreiter des Projekts nicht nur die Folgen von Digitalisierung und Globalisierung für unsere Arbeitswelt thematisiert, sondern gleichzeitig vorgemacht, wie Arbeit im 21. Jahrhundert abseits von Hierarchien, Effizienzdiktaten und schlichter Profitmaximierung sinnstiftend und erfüllend sein kann. „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ heißt im Berater-Jargon die Erfolgsformel. Sie haben die Arbeitswelt von morgen schon erlebbar gemacht. Mit Offenheit, Vertrauen, Anerkennung, Fairness und Toleranz. Hier hat jeder eine Stimme, hier zählt jede Idee.

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Wer nicht hören will, muss fühlen! Wir müssen wieder Zuhören lernen!

Von Jürg Montalta

Kennen Sie diese Erfahrung? Sie erzählen, was Ihnen am Herzen liegt. Ihr Gegenüber unterbricht ab und zu Ihren Redefluss, gibt Ihnen Ratschläge, schildert in den buntesten Farben eigene Erlebnisse oder verweist auf Gelesenes, Gehörtes, Gesehenes, wohlgemerkt zu Ihrem Thema. Sie mutieren ungewollt zum Zuhörer und Ihr Anliegen bleibt auf der Strecke. Diese Art der Nicht-Wertschätzung, ja Respektlosigkeit, scheint rings um uns die Norm zu sein. Unseren Alltag beherrschen Rohheit, Egozentrik, Desinteresse am Anderen. Monologe ersetzen Dialoge, Lautstärke beherrscht die politische Auseinandersetzung, Sprachlosigkeit die familiäre. Und, wir reden viel zu sehr über uns selbst.
Zuhören ist offensichtlich ziemlich aus der Mode gekommen. Kein Wunder, dass in unserem Land Burnout groß geschrieben wird, 70 Prozent der deutschen Arbeitnehmer lediglich Dienst nach Vorschrift schieben, die Scheidungsrate bei immer noch zu hohen 43 Prozent liegt. Führung wird in vielen Unternehmen immer noch mit starker Hand verwechselt. Reden topp, Zuhören flopp.
Die Ergebnisse einer aktuellen Studie zum Thema Führungskräfte (http://www.zukunftsfaehigefuehrung.de/news/) decken sich mit meinen Erfahrungen als Pädagoge und Coach. Sie bescheinigt den deutschen Chefs mangelnde Zukunftsfähigkeit. In Zeiten, wo es auf eine aktive Beteiligung der Mitarbeiterschaft ankommt, fehle es an Unternehmenskulturen, die Kritik zulässt, einen Dialog über Hierarchiegrenzen ermöglicht und ganz explizit die Bereitschaft zum Zuhören! Mit den nachgewiesenen wirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe.
Wie lösen wir dieses Dilemma. Ganz einfach. „Die Natur hat uns nur einen Mund, aber zwei Ohren gegeben, was darauf hindeutet, dass wir weniger sprechen und mehr zuhören sollten“, hat schon der griechische Philosoph Zenon von Elea (https://de.wikipedia.org/wiki/Zenon_von_Elea) vor knapp 2.500 Jahren richtig erkannt. In meinen Projekten setze ich auf aktives Zuhören, auf Achtsamkeit, Andacht und Stille. Zuhören bedeutet Wertschätzung, signalisiert Respekt und vermittelt Anteilnahme.
Für den Ernstfall müssen Regeln gelten. Die wichtigste: ganz Ohr und nur Ohr zu sein. Es geht darum, mit Leib und Seele zuzuhören und jegliche Kommentare, Gefühls- und Betroffenheitsäußerungen, Diskussionen, Bewertungen, historische und psychologische Einordnungen beiseite zu lassen. Zuhören soll zunächst wie Musikhören sein. Gleichermaßen gilt, und das empfehle ich oft: Erstmal mal Abstand schaffen, Durchatmen, Drüberschlafen. Ebenfalls wichtig: Nehmen Sie sich Zeit für das Zuhören. Denn im Vorübergehen kann man nicht richtig zuzuhören, geschweige denn das Erfahrene verarbeiten.
Zum Schluss: Zuhören ist eine anspruchsvolle Tätigkeit, die in hohem Maß Energie kostet, aber eine Schlüsselkompetenz, die es wieder zu entdecken gilt. Denn Zuhören ist die entscheidende Voraussetzung für einen gelungenen Dialog, egal ob mit Mitarbeitern, Kunden oder Partnern.

Unser Motto muss sein: „Wer etwas zu sagen hat, muss zuhören können“. Ansonsten passiert das, was der Volksmund so schön drastisch formuliert: „Wer nicht hören, muss fühlen!“

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Auf Stelzen bekommt man keinen Augenkontakt
Unternehmen brauchen eine Neuordnung der Machtverhältnisse

Von Jürg Montalta

Alle Jahre wieder beglückt uns das Beratungsunternehmen Gallup mit seinen Untersuchungen zur Arbeitswelt. Mit mal mehr oder weniger deprimierenden Ergebnissen. Im Kern kommt es aber immer zu ähnlichen Schlüssen. Auch die für 2014 ermittelten Fakten zeigen, wir haben ein Problem. Danach schieben 70 Prozent der deutschen Arbeitnehmer Dienst nach Vorschrift, 15 Prozent haben innerlich bereits gekündigt. Nur 15 Prozent der Mitarbeiter sind dagegen mit echtem mit Engagement bei der Sache. Das führt am Ende dazu, dass die volkswirtschaftlichen Kosten, die durch innere Kündigung entstehen, sich jährlich auf eine Summe zwischen 98,5 und 118,4 Milliarden Euro belaufen.*

Und dass in einem Wirtschaftssystem, das maßgeblich auf Effizienz getrimmt ist, in einem Land, das zu den führenden Exportnationen zählt und stolz auf seine Produktivität ist. Ähnlich der aktuellen Politik scheint man in den Unternehmen die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu verdrängen, die fast im Dutzend vor den Unternehmenstoren warten. Als Stichworte seien hier nur Globalisierung, Digitalisierung, Industrie 4.0, Demografie, Fachkräftemangel oder interkulturelle Probleme genannt.

Nicht nur Gallup stellt in diesem Zusammenhang fest: In den deutschen Unternehmen stimmen die Beziehungen zwischen oben und unten und vice versa nicht. Als maßgebliche Gründe für Unzufriedenheit und mangelnde Bereitschaft werden immer wieder die Vorgesetzten genannt. Der US-amerikanische Autor Dr. Travis Bradberry findet sehr einleuchtende „9 Gründe, warum gute Mitarbeiter kündigen“:** Chefs überlasten ihre Mitarbeiter, erkennen ihre Leistungen nicht an und belohnen zu wenig. Sie fördern die Falschen und wecken bei den Richtigen keine Leidenschaft. Sie hören nicht zu und geben kein Feedback. Sie schaffen es nicht, die Kreativität der Mitarbeiter einzubinden und fordern sie nicht intellektuell.

Das deckt sich mit meinen Erfahrungen aus über 20 Jahren Arbeit als Trainer, Coach und Berater für Mitarbeiter und Führungskräfte in Unternehmen ebenso wie in künstlerischen oder kulturellen Projekten. Schlimmer noch, zwischen 40 und 60 Prozent ihrer Arbeitskraft verschwenden Mitarbeiter, um mit dem Misstrauen, der Arroganz, den Demütigungen, den willkürlichen und intransparenten Entscheidungen ihrer Vorgesetzten umgehen zu können. Diese und ähnliche Aussagen haben mir Mitarbeiter aller Hierarchieebenen in Gesprächen unter vier Augen, im Wartebereich von Flughäfen, in Raucherpausen oder spätabends an Bars von Seminarhotels hinter vorgehaltener Hand "gestanden".

Die Folgen sind eigentlich absehbar: Mitarbeiter leiden, klagen, meckern und schimpfen auf Vorgesetzte oder Unterstellte, je nachdem auf welcher Hierarchiestufe sie sich befinden. Sie rächen sich auf unterschiedlichste Weise, verschleppen Arbeitsprozesse, schieben die Verantwortung in Konflikten hin und her. Gähnen oder zucken die Achseln, wenn das zwanzigste Strategiepapier und die siebenundzwanzigste Umstrukturierung über ihre Köpfe hinweg entschieden werden. Die Liste lässt sich beliebig verlängern, die negative Kreativität kennt keine Grenzen. Am Ende stehen: Dienst nach Vorschrift, Verweigerung von Innovation, innerliche Kündigung, Drogenmissbrauch, Burn- und Boreout, Krankschreibung. Mit den nachgewiesenen wirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe.

Dem gegenüber erfahre ich immer wieder den Willen und die Lust der Menschen, sich mit ihrer Kreativität, ihren Ideen und Lösungsvorschlägen einzubringen, etwas Sinnvolles und Gutes zu tun, mit Herz und Seele an einem Projekt mitzuwirken, Verantwortung zu übernehmen, gefordert und gefragt zu werden, die Ärmel hochzukrempeln, anzupacken und mit zu entscheiden.
Doch das wird in Unternehmen mit althergebrachtem Führungsverständnis oft nicht registriert, gar ignoriert. Stattdessen wird von oben nach unten durchregiert, herrscht der Glaube vor, Führung bestehe darin, Lösungen für die Mitarbeiter finden, anstatt diese gemeinsam zu erarbeiten oder Aufgaben zu delegieren. Die Folge: Auch Führungskräfte leiden unter Überlastung. Die falsch verstandene Verantwortung führt zu längeren Arbeitstagen und einem eklatanten Missverhältnis: Die eine Seite ist überfordert, die andere Seite unterfordert.

Wege zur Lust

Ausgehend von diesen Erkenntnissen frage ich mich, weshalb zum Beispiel technische Geräte oder Maschinen in rasanten Tempo weiterentwickelt werden, nicht aber die Arbeitsbedingungen, die es den Menschen ermöglichen, ihre Fähigkeiten und Kreativität immer besser zum Einsatz zu bringen. Ich frage mich, weshalb Mitarbeiter Hightech-Smartphones nutzen und gleichzeitig in Unternehmen arbeiten, die wie mittelalterliche Monarchien strukturiert sind.
Woran liegt das? Wer kann das verändern? Und wie?

Die Gründe sind vielschichtig und komplex. Es gibt aber Wege, wie sich Führungskräfte und Mitarbeiter aus dem beschriebenen Dilemma befreien können, um wieder mit Freude und Lust - sprich effizient – arbeiten zu können.

Im Kern geht es dabei um respektvolle Arbeitsbeziehungen, Zusammenarbeit auf Augenhöhe, Anerkennung und Wertschätzung eigener Fähigkeiten sowie die der Mitarbeiter. Setzt man diesen Prozess in Gang, führt das im Ergebnis zu sinnvollen Veränderungen in der Organisationsstruktur und zur Neuordnung der Machtverhältnisse, die dem Unternehmen motivierte Mitarbeiter auf den verschiedenen Hierarchieebenen beschert und damit einen kräftigen Zuwachs an Effizienz und Wertschöpfung. Die Gallup-Berater gehen davon aus, dass bei einem Unternehmen mit beispielhaft 500 Mitarbeitern alleine durch den Anstieg der emotionalen Bindung um fünf Prozent sich die jährlichen Fluktuationskosten um 43.000 Euro reduzieren lassen.

Runter vom Sockel

Während meiner Arbeit in amerikanischen Ghettos hat mich immer beeindruckt, welch feinsinnige Wahrnehmung sich die Jugendlichen angeeignet haben, um im Dschungel der Großstadt zu überleben. In Bruchteil einer Sekunde spüren sie, auf welcher Ebene sich der Kontakt abspielt. Von oben herab, von unten oder auf Augenhöhe. Mit den Kids konnte ich nur etwas erreichen, wenn ich mit ihnen auf Augenhöhe zusammengearbeitet habe. Jeder Millimeter nach oben oder unten hatte sofortige Konsequenzen. Wenn ich aus Unsicherheit oder Überforderung oberlehrerhaft und arrogant wurde (bewusst oder unbewusst), erntete ich, je nach Temperament des Jugendlichen, Eiseskälte, Totalverweigerung, stummen Trotz. Wenn ich auf dem hohen Ross blieb, rannten sie aus Wut davon, warfen mit Möbeln um sich oder bedrohten mich mit Schmetterlingsmessern.

Nichts anderes spielt sich in Unternehmen ab. Auch Mitarbeiter haben ein feines Gespür, ob sich die Kommunikation auf Augenhöhe abspielt, ungeachtet ob das Unternehmen Leitsätze wie "Führen im Dialog" oder "Zusammenarbeit im Vertrauen" proklamiert. Wenn sich der Augenkontakt nicht in der Waagerechten abspielt, ist die Reaktion genauso fatal wie im Ghetto, allerdings viel subtiler, nebulöser, oft verkleidet in alle möglichen Arten von Höflichkeiten und deswegen schwerer zu durchschauen. Beliebt sind u.a. unendliche Diskussionen und Debatten über Führungsstile, die natürlich zu gar nichts führen.

Will man auf Augenhöhe zusammen arbeiten, muss der Vorgesetzte vom Sockel gestoßen werden. Ein dahin gesagtes Kompliment, ein Blumenstrauß oder ein gelegentliches Dankeschön-Geschäftsessen wird die Motivation der Mitarbeiter um ein paar Prozentpunkte erhöhen, verändert aber an der Grundeinstellung nichts. Wenn ich dieses Geschehen in einer Theaterinszenierung versinnbildlichen würde, gingen die Mitarbeiter, je nach Hierarchiestufe auf verschieden hohen Stelzen. Die auf den höchsten Stelzen können mit denen ohne Stelzen keinen Augenkontakt mehr aufnehmen, sonst würden sie umfallen. Grüßt der Chefarzt deshalb die Putzfrauen nicht? Obwohl diese ihm den Operationssaal putzen und seine Operation erst möglich machen? Welcher Vorstand gesellt sich zu den Mitarbeitern in der Kellerkantine?
Umgekehrt haben die Mitarbeiter ohne Stelzen, Podeste und Sockel es sich bequem gemacht. Ihre Augen haben sich auf die Blickrichtung "Diagonale zum Boden" eingerichtet, ihr Verhaltensmodus ist auf stilles Leiden und leidenschaftliches Schimpfen eingestellt. Denn leiden ist doch schöner als handeln. Die Schlussfolgerung klingt banal: Es braucht eine Organisationsstruktur auf einer Ebene, Bodenkontakt tut jedem gut.

Denkrichtung ändern

Die Neustrukturierung der Macht auf diesem Wege ist allerdings ein heißes Eisen. Denn sie kann nur funktionieren, wenn althergebrachte Auswahlkriterien wie Titel, Ausbildung, Gehalt/Vermögen, Länge des Arbeitsverhältnisses, familiäre und andere Seilschaften oder Glaubenssätze wie "das war schon immer so und deshalb muss es gut sein" über Bord geworfen werden. Stattdessen müssen wir fragen: Welche Organisationsstruktur ist für den Kunden am zweckmäßigsten, und welche verlangt das angebotene Produkt oder die verkaufte Dienstleistung. Wer hat innerhalb dieser Rahmenbedingungen welche Fähigkeiten, wer kann die Verantwortung übernehmen.

Die Veränderung dieser Parameter ist für viele Mitarbeiter, egal auf welcher Ebene der Macht zuerst unvorstellbar. Am Anfang muss es deshalb gelingen, die Denkrichtung zu ändern: Kann sich ein Mitarbeiter der Reinigung vorstellen, dass seine Leistung ebenso so wichtig ist, wie die des Chefchirurgen? Kann ein Vorstand sich vorstellen, dass eine Kassiererin genauso relevant für das Unternehmen ist, wie er? Können sich Führungskräfte wie einfache Mitarbeiter vorstellen, dass sie sich "lediglich" im Maß der Verantwortung unterscheiden?

Das Ingangsetzen eines solchen Denkprozesses ist anspruchsvoll, denn die Erfahrungen tausender Jahre Hierarchie sind in unserem individuellen und kollektiven Bewusstsein gespeichert. Das zeigt sich in der Realität sofort in Form von Ängsten. Die Mächtigen ängstigt der Verlust von Status, Gehalt, Dienstwagen, täglicher Verneigung devoter Mitarbeiter, und die Mitarbeiter ohne Macht haben Angst vor Verantwortung, längeren Arbeitszeiten und dem Loslassen der Bequemlichkeit, nur auf die oben zu schimpfen, anstatt zu handeln und sich von der Lust am Leiden zu verabschieden. Hier hilft es, sich an Menschen oder Unternehmen zu orientieren, die bereits neue Organisationsformen ausprobieren oder schon mit flachen Strukturen arbeiten.

Die glorreichen Sieben – Tipps zum Gelingen

Wenn also Mitarbeiter, wie eingangs beschrieben, 40 bis 60 Prozent ihrer Arbeitskraft verschwenden, würde das im Umkehrschluss bedeuten, dass unter anderen Arbeitsbedingungen die Mitarbeiter für die Leistung, die sie jetzt erbringen, nur noch die Hälfte der Arbeitszeit bräuchten. Mit der anderen Hälfte könnten sie sich ihrem Privatleben widmen oder sie könnten ihre Leistung im Unternehmen verdoppeln.

Welche Arbeitsbedingungen wären das?

  1. In die Arbeit verliebt sein können
  2. Respektvolle Arbeitsbeziehungen
  3. Zusammenarbeit auf Augenhöhe, Veränderung der Organisationsstruktur, Umstrukturierung der Macht
  4. Anerkennung und Erkennen eigener Fähigkeiten und derer ihrer Mitarbeiter
  5. Respekt für den Kunden, er ist mehr als ein Konsument, er ist ein Mensch!

Nein, das ist keine Sozialromantik, sondern in vielen Projekten bereits gelungen. Aber, Sie wissen ja, Veränderung fängt immer bei einem selbst an. Damit Sie dies mit Elan und Freude angehen können, gebe ich Ihnen diese sieben Anregungen auf den Weg

  • Jede Reform fängt in Ihrem Kopf an. Erst, wenn sie ihnen dort gelingt, kann sie auch in der Realität gelingen.
  • Widerstände sind etwas Wunderbares, sie befeuern Ihre Kreativität und geben ihnen Orientierung.
  • Wenn Ihnen also "hundert Abers", "kenne ich nicht, will ich nicht", "leiden und schimpfen sind doch schöner, als handeln" begegnen, dann wissen Sie erstens, dass sie am Kern sind und zweitens werden sie herausgefordert, genau so kreativ wie die Widerstände zu werden. Sie werden staunen, was für Tricks und Strategien Ihnen einfallen, damit sie ihren Reformkurs durchsetzen können.
  • Lieber jeden Tag eine Minute üben als einmal im Jahr zwei Tage lang in einer Klausur.
  • Suchen sie sich Verbündete und tauschen sie sich regelmäßig aus.
  • Das Ziel, dass sie in ihre Arbeit verliebt sein könnten, immer im Auge und im Bauch behalten.
  • Humor ist das wichtigste Gewürz, stolpern sie mit Freude, lachen sie viel mit sich und ihren Mitarbeitern.

* http://www.gallup.com/de-de/181871/engagement-index-deutschland.aspx

**http://www.huffingtonpost.de/dr-travis-bradberry/9-grunde-warum-gute-angestellte-kundigen_b_8910148.html

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